Kapitel 1 - Theologie studieren - eine Hinführung
Theologie studieren! … das klingt anspruchsvoll, fast hochgestochen. Das flösst Respekt ein. Wer sich für den Studiengang Theologie angemeldet hat, steht am Anfang eines längeren Weges intensiver
denkerischer Auseinandersetzung mit Gott und Welt, mit Bibel und Dogmengeschichte, mit Kirche und Amt, mit Liturgie und Glauben, mit Ethik und Seelsorge, mit der christlichen Kultur im Kontext anderer religiösen Kulturen. Mit solchen und ähnlichen Stichworten sind wir schon mitten drin in der Theologie.
Auf dieser Seite des Handbuchs möchten wir Ihnen einige Gedanken zum Theologiestudium mit auf den Weg geben. Gedanken, die um die Fragen kreisen:
- Was ist Theologie? Wo liegen ihre Knackpunkte, Chancen und Grenzen?
- Gibt es Kriterien für «gute» oder «schlechte» Theologie?
- Wie studiere ich Theologie mit Freude und Gewinn?
- Wie vermeide ich Frust in der Theologie?
… und all dies soll dem Ziel dienen, Ihre Neugier, Ihre Motivation und Ihre Lust auf die Theologie zu stärken und, wo nötig, vielleicht gar noch zu steigern.
Dies gilt es gleich zu Beginn bewusst zu machen. Sie können dies mit einer kurzen Übung gut nachvollziehen. Halten Sie, bevor Sie weiter lesen, nochmals einige Augenblicke inne und fragen Sie sich: Was ist es wohl, das Sie bewogen hat, sich auf diesen anspruchsvollen Weg einzulassen? – Sie werden wahrscheinlich schnell bestätigen können:
Am Anfang steht die Erfahrung
Die Gründe und Motivationen zum Theologiestudium können sehr vielfältig und unterschiedlich sein; immer aber stehen am Anfang Erfahrungen: gute und/oder schwierige Erfahrungen mit Glaube und
Kirche, die Erfahrung des Unrechts in der Welt, die Erfahrung des sinnlosen Leidens oder des Verlustes eines geliebten Menschen, die Erfahrung, an Grenzen zu stossen mit meinem Weltbild, die Erfahrung, nichts sagen zu können, wenn meine Kinder, Schüler oder Freundinnen mich löchern mit Fragen über meinen Glauben und über die Bibel. So lange Sie keinesolchen Erfahrungen machen, drängt Sie nichts zum Theologietreiben. Sitzt aber einmal der Stachel, dann können Sie meist kaum mehr ausweichen. Eine innere Stimme drängt sie förmlich und immer lauter zur Theologie.
Hier liegt ein grosser Unterschied zu den meisten sonstigen Weiterbildungen: Spanisch zu lernen ist sinnvoll, wenn Sie oft in ein spanischsprachiges Land reisen; Mathematik zu studieren kann reizvoll
sein, und den PC zu beherrschen ist toll. Aber dies und ähnliches ist nicht notwendig. Ich muss nicht unbedingt einen Beruf wählen, der Mathe- oder PC-Kenntnisse voraussetzt. Ich muss nicht in ein spanischsprachiges Land reisen – oder ich kann in einer Gruppe reisen, in der sprachgewandte Leute dabei sind …
Die Erfahrungen aber, die zur Theologie führen, sind erstens unausweichlich und zweitens nicht delegierbar, denn sie sind existentiell; d. h. sie betreffen mich ganz persönlich, im Kern meiner Person;
sie treffen meinen Lebensnerv. Wem etwa das Leben Erfahrungen zumutet, die das vertraute Weltbild durchkreuzen und Glaubensüberzeugungen ins Wanken bringen, der/die muss selber, muss
ganz persönlich um ein tragfähiges neues Weltbild ringen, neuen Boden unter den Füssen erarbeiten. Es stellen sich dann Fragen, kritische Fragen, lebensentscheidende Fragen.
Das war in biblischen Zeiten nicht anders. Die grossen, existentiellen Fragen und Erfahrungen sind dieselben geblieben. Das verbindet uns Menschen von heute mit den biblischen Gestalten und rückt diese uns nahe. Und so ist denn die Bibel, die Grundlage des jüdisch-christlichen Glaubens, ein Buch voller Lebenserfahrungen. Sie zeugt vom Ringen unzähliger Menschen über viele Jahrhunderte
hinweg mit ihren existentiellen Erfahrungen und Fragen. Und allein schon deshalb tut die Theologie gut daran, an der Bibel Mass zu nehmen.
Halten wir also gleich zu Beginn fest: Theologie hat mit persönlicher Erfahrung und deshalb mit der eigenen Existenz zu tun. Theologie – und das unterscheidet sie von vielen anderen Bildungsmöglichkeiten – ist zuerst und zutiefst existentiell.
Das, was ist, ist nicht der Weisheit letzter Schluss – Glaube
Eine grundlegende Erfahrung, die ganz besonders einschneidend ist, gilt es noch weiter zu bedenken: die Erfahrung, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte, die Erfahrung des Abstandes zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand, die Erfahrung eines schier unüberwindlichen Grabens zwischen Ideal und Wirklichkeit. Es ist nun geradezu ein Kennzeichen des Glaubens, dass er sich nicht abfindet mit diesem Graben und damit mit dem Ist-Zustand. Bestünde kein solcher Graben, bräuchte es keinen Glauben.
Glaubende Menschen halten diesen Graben nicht für unüberwindlich. Vielmehr halten sie am Ideal fest und den Soll-Zustand für möglich. Für glaubende Menschen ist das, was ist und wie es ist, noch
lange nicht der Weisheit letzter Schluss. Glaubende halten die Wirklichkeit, so wie sie ist, nicht für das einzig Mögliche. Glaube kann in einem ersten Zugang geradezu
als Festhalten an einer Utopie (Utopie/u-topisch aus dem Griechischen für: kein Ort, Nicht-Ort; Ort-los) gelten – an Idealen, die in der heutigen Wirklichkeit buchstäblich noch keinen oder keinen hinreichenden Ort haben: Gerechtigkeit, Frieden, Menschenwürde, Liebe, Einklang mit der Schöpfung …
Und weil diese gläubige Haltung der Distanz zur Wirklichkeit nicht einfach ist, setzen Glaubende ihre Hoffnung auf Gott, verankern sich in Spiritualität und Gebet, schliessen sich zusammen mit Gleichgesinnten zu Austausch und gegenseitiger Stütze und orientieren sich an den grossen Vorbildern auf diesem Weg: an den herausragenden Gestalten der Glaubenstradition, an Jesus von Nazaret, an den Heiligen und Vorbildern des Glaubens durch die Jahrtausende.
Aber auch so gibt dieser Abstand, dieser Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit unablässig zu denken. Er steht auch am Ursprung aller Theologie. Warum ist die Welt so und nicht anders? Warum gibt es Sünde und Tod, warum unverschuldetes Leiden und Unrecht? Weshalb lässt Gott dies alles geschehen? Lässt sich etwas daran ändern? Es sind theologische Fragen; Fragen, die den Glaubenden zu denken geben und deshalb ins Zentrum der Theologie führen.
Dieselben Fragen prägen schon die Bibel: Von der ersten bis zur letzten Seite erzählt sie davon, wie Menschen mit diesen Fragen ringen. Die Bibel kommt deshalb nicht ohne Theologie aus, ja sie ist selber ein durch und durch theologisches Buch.
Halten wir also fest: Theologie setzt Glauben voraus. Und weil der Glaube den Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit überbrücken will und weil dieser Grabenden Glaubenden selber zu denken gibt,
kommt der Glaube ohne die Theologie nicht aus.
Die Bestreitung des Glaubens
Und noch etwas geht aller Theologie voraus. Die Haltung des Glaubens ist nämlich keineswegs unbestritten. Vielmehr gibt es starke Gegenkräfte, die daran interessiert sind, die Wirklichkeit, so wie sie ist, zu erhalten und zu stabilisieren, da sie z. B. von den herrschenden Zuständen – auch und gerade dort, wo sie ungerecht sind – profitieren. Die Bestreitung des Glaubensstandpunktes setzt theologisches Nachdenken in Gang und macht theologische Argumentation unumgänglich. Das war in der Bibel nicht anders. Immer wieder war das Volk Israel genötigt, sich und seinen Glauben gegen die anderen Völker argumentativ zu vertreten. Von Mose über die Prophetinnen und Propheten, die Autoren der biblischen Schriften bis hin zu Jesus, Paulus und Johannes wurde intensiv Theologie getrieben, um den jeweiligen Glaubensstandpunkt zu erläutern und argumentativ zu behaupten. So mahnt der erste Petrusbrief seine Adressaten und damit auch uns: «Seid stets bereit, j jedem Rechenschaft zu geben, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.» (1. Petr 3,15) Theologie wächst aus dem Streit um den Glauben, entfaltet sich gerade auch dort, wo der Glaube von aussen bestritten wird.
Wir haben bisher zur Frage nach dem Gegenstand der Theologie implizit bereits einiges gesagt. Dennoch muss auch explizit noch einiges dazu gesagt werden.
Versuch einer Definition
Vom Wort her bedeutet Theologie «Rede von Gott». Und da das griechische Wort «Logos» eine vernünftige, argumentative Rede meint, könnten wir auch übersetzen: «Wissenschaft von Gott» oder «Lehre von Gott». Bei einer solchen Umschreibungtaucht aber sofort ein Problem auf: Was können wir Menschen über Gott denn schon wissen und aussagen? Müsste nicht Gott selber über sich reden? In der Tat könnte Theologie rein vom Wort her auch «Rede Gottes» bezeichnen; dann aber kämen wir in Konflikt mit der Tatsache, dass doch offensichtlich Theologie seit jeher
ein menschliches Tun und Nachdenken bezeichnet.
Die wörtliche Umschreibung von «Theologie» hat offensichtlich ihre Tücken. Hinzu kommt noch, dass Lehre von Gott oder Gotteslehre einen eigenständigen Teil (Traktat) innerhalb der Dogmatik bezeichnet. Auch von daher dürfte diese wörtliche Umschreibung eher Verwirrung stiften. Versuchen wir deshalb eine andere Definition, eine Definition, die direkt an das im ersten Teil Gesagte anschliesst und die heute unter Theologen und Theologinnen auf breite Zustimmung stösst: Theologie ist Glaubenswissenschaft. Eine kurze, einfache Definition, die aber komplexe Fragen aufwirft:
Ins Auge sticht insbesondere das Dilemma zwischen Glauben und Wissen. Passen Glauben und Wissenschaft überhaupt zusammen? Hier kommt vieles auf den Wissenschaftsbegriff an. Wenn laut dem «Duden» Wissenschaft als «die methodisch geleitete und kritisch verantwortete Erforschung bzw. die systematisch geordneten Erkenntnisse eines bestimmten Gegenstandsbereiches (Einzelwissenschaft)» zu verstehen ist, dann gilt: Theologie ist die Wissenschaft des Gegenstandsbereiches «Glauben», denn sie erforscht methodisch und kritisch den «Glauben» und sie ordnet ihre Erkenntnisse systematisch.
Kleiner Exkurs zur erstaunlichen Nähe von Glaube und Wissen
Dabei liegen Glauben und Wissen gar nicht so weit auseinander, wie es auf den ersten Blick scheint. Einerseits gibt es nicht nur das instrumentelle, mathematisch-naturwissenschaftliche Wissen, das logisch erschlossen oder experimentell bewiesen werden kann. Vielmehr gibt es einen breiten Strom von Wissen, das auf Erfahrungen im Alltag und in der Geschichte beruht. Dieses so genannte Erfahrungswissen kommt dem Glauben schon recht
nahe, denn es ist engagiertes, existentielles Wissen und bildet den Ursprung aller Skepsis, aber auch allen Engagements, allen Hasses, aber auch aller Liebe.
Und andererseits ist Glauben viel mehr als blosses Wähnen oder Meinen (Ich glaube, dass das Wetter schön bleibt). Und es bedeutet auch mehr als das Bejahen oder Für-Wahr-Halten eines Glaubenssatzes. Es bedeutet ein persönliches Engagement, ein personales Vertrauen (ich glaube, ich vertraue Dir), welches auf der Erfahrung beruht, dass jemand des Vertrauens würdig ist. In diesem Sinne kann Glaube in einem ersten Zugang als eine existentielle Haltung des Vertrauens, des Mich-Einlassens auf den sich mir in der Geschichte offenbarenden Gott umschrieben werden.
Reichweite der Theologie
Die Theologie in diesem Sinne hat eine wichtige Aufgabe, aber auch eine begrenzte Reichweite. Sie hat eine Hilfsfunktion, denn sie steht ganz im Dienste des Glaubens. Sie darf aber auch nicht mit Religionswissenschaft verwechselt werden, welche versucht, die Religionen von aussen zu betrachten und möglichst neutral zu vergleichen.
Theologie ist engagiert und setzt den gelebten Glauben voraus. Sie hat aber in Bezug auf den Glauben eine kritisch-korrigierende Funktion; sie hinterfragt den gelebten und den formulierten Glauben, um ihn auf ein tragfähiges Fundament zu stellen, verständlich darzulegen, vor Fundamentalismus zu bewahren und gegen Angriffe von aussen wie auch von innen argumentativ zu verteidigen.
Methoden in der Theologie All das verrät ein äusserst reichhaltiges Programm. Um dieses Programm leisten zu können, bedient sich die Theologie verschiedener wissenschaftlicher Methoden:
- historischer, archäologischer und literaturwissenschaftlicher Methoden, um die Geschichte des Glaubens in der Bibel-, Kirchen- und Theologiegeschichte zu erforschen;
- systematisch-hermeneutischer Methoden, um biblische Texte, Glaubenszeugnisse und lehramtliche Glaubensinhalte zu verstehen und Zusammenhänge zwischen diesen herauszuarbeiten;
- geisteswissenschaftlich-philosophischer Methoden, um die den Glauben prägenden Weltbilder zu ergründen und den Glauben in Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen verantworten zu können;
- praktisch-humanwissenschaftlicher Methoden, um den Glauben mit den jeweiligen «Zeichen der Zeit», den gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnissen, zu verbinden.
Auffächerung der Theologie
Um diese komplexe Aufgabe zu erfüllen, hat sich die Theologie im Laufe der Zeit und mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft und der wissenschaftlichen Fragestellungen immer weiter spezialisiert und in verschiedene Disziplinen aufgefächert. Was wir heute im Studiengang Theologie an Fächern anbieten, entspricht weitgehend der wissenschaftlichen Aufgabenteilung der Theologie an den Universitäten.
Die im STh angebotenen 18 Fächer lassen sich in vier Gruppen unterteilen:
I. Grundlagen
- Die jüdisch-christliche Tradition der Bibel
- Altes Testament 1 + 2
- Neues Testament 1 + 2
- Die zugrunde gelegten Welt- und Menschenbilder
- Philosophie
II. Geschichtliche Entwicklung
- Geschichte von Christentum, Kirche und Theologie
- Kirchengeschichte
- Wege der Gottesbegegnung
- Theologie der Spiritualität
III. Systematische Entfaltung
- Verantwortung von Religion, Offenbarung und Kirche
- Fundamentaltheologie
- Verantwortung von Sittlichkeit, Werten und Normen
- Theologische Fundamentalethik (Theologische Ethik 1)
- Entfaltung von Inhalt und Zusammenhang des Glaubensbekenntnisses
- Dogmatik 1 – 3
- Als Christ:in in pluraler Gesellschaft leben
- Religionssoziologie/Pastoraltheologie
IV. Praktische Umsetzung
- Christliches Handeln in der Gesellschaft
- Angewandte christliche Ethik (Theologische Ethik 2)
- Handeln der Kirche
- Praktische Theologie
- Strukturen und Normen der Kirche sowie Verhältnis von Kirche und Staat
- Kirchenrecht
- Feiern der Kirche in Wort und Sakramenten
- Liturgiewissenschaft
- Das Christentum und die anderen Religionen
- Religionen im Dialog
Auch auf Grund ganz verschiedener Lebenszusammenhänge (Kulturen, Sprachen, Lebensweisen) und gesellschaftlicher Kontexte (Formen des Zusammenlebens, politisches System, Verhältnis von Wohlhabenden und Armen) haben sich im Laufe der Zeit immer wieder unterschiedliche Grundansätze von Theologie herausgebildet. Theologie ist in diesem Sinne stets kontextuell. Und da heute die Welt sich immer schneller wandelt, entstehen gegenwärtig auch viel schneller immer wieder neue, kontextuell verankerte, theologische Zugänge und Ansätze. Eine kleine Auslegeordnung kann Einblick geben.
Da gibt es
- regionale kontextuelle Theologien, wie beispielsweise die griechische und die lateinische Theologie in den ersten Jahrhunderten oder heute die westeuropäische, die afrikanische oder die lateinamerikanische Theologie;
- historisch kontextuelle Theologien, wie die Theologie der Kirchenväter oder die scholastische Theologie im Mittelalter, die gegenreformatorische oder die neuscholastische Theologie, die aufklärerisch-neuzeitliche oder die heute bereits wieder nachneuzeitliche, postmoderne oder (besser) transmoderne Theologie;
- parallel zueinander auch heute gesellschaftlich kontextuelle Theologien: beispielsweise Theologie der Befreiung oder feministische Theologie, schwarze Theologie oder ökologische Theologie …
All die genannten kontextuellen Theologien beanspruchen, das Ganze der Theologie aus einem bestimmten, eben kontextuellen Blickwinkel heraus zu bedenken. Davon zu unterscheiden sind so genannte Genetiv-Theologien, die nur einen ganz bestimmten, eingeschränkten Teilbereich zum Gegenstand machen und bearbeiten: z. B. die Theologie der Religionen, des Geldes, der Arbeit, des Bischofsamtes, der Welt, des Neuen Testamentes, der Familie, des Reiches Gottes, des Gebetes … Auch diese Teilbereichs-Theologien bereichern die Theologie sehr und tragen viel zu ihrer Vielfalt bei.
Einheit der Theologie
Diese grosse Vielfalt in der Theologie und von Theologien führt aber nicht zu einer Beliebigkeit. Es gibt vielmehr eine tiefer liegende Einheit der christlichen Theologie. Diese findet sich in jenem allen christlichen Theologien gemeinsamen Bezugspunkt: der jüdisch-christlichen Tradition der Bibel. Das Zeugnis der Bibel ist für die Theologie nicht nur unverzichtbarer Bezugspunkt allen Nachdenkens, sondern auch Massstab für den gelebten
Glauben und daher letztlich auch Quelle allen theologischen Urteilens. Theologische Aussagen und Entwürfe ebenso wie kirchliche Lehren und pastorale Konzepte müssen sich deshalb stets am biblischen Zeugnis ausrichten und können daran auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden.
Vor diesem Hintergrund ist eine der vordringlichsten Aufgaben der Theologie das stetige Ringen um eine angemessene Auslegung der Bibel und der biblischen Kernbotschaft. Mitte und Brennpunkt für eine christliche Theologie ist dabei Jesus von Nazaret, seine Botschaft, sein Wirken und sein Verhältnis zu Gott. Letztlich von ihm her lässt sich die tiefe Einheit des Glaubens und der Theologie verständlich machen.
Im Laufe des Studiums werden Sie immer mehr Querverbindungen zwischenden Fächern und Fragestellungen entdecken. Es wird sich zeigen, wie biblische undphilosophische Fragen zusammenhängen mit kirchen- und theologiegeschichtlichen Entwicklungen, mit systematischen Fragestellungen und praktischen Konsequenzen und Disziplinen. Dadurch wird Ihnen der Einheitskern der vielfältigen Theologie immer klarer werden. Unterstützend kann heute vielleicht die global immer enger zusammenrückende Welt helfen, diesen Einheitskern gläubigen Handelns und theologischer Reflexion hervorzuheben. Bei aller Problematik der Globalisierung hat eine globalisierte Welt den positiven Nebeneffekt, dass der Erfahrungsraum von uns Menschen in vielen Hinsichten einheitlicher wird. In Auseinandersetzung damit können auch der biblische Glaube und das theologische
Nachdenken ein Profil erlangen, das stärker auf Einheitlichkeit abzielt.
Zum methodischen Vorgehen der Theologie
In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage nach der Methode der Theologie auf. Wir haben dazu bereits entscheidende Vorüberlegungen angestellt. Im Laufe der Theologiegeschichte folgte ein breiter Strom theologischen Nachdenkens einer vorwiegend deduktiven Methode: Man ging im wesentlichen – ganz abgekürzt gesagt – von feststehenden theologischen Grundsätzen aus und leitete daraus Konsequenzen ab für das kirchliche Handeln, die gesellschaftliche Ethik bis hin zum persönlichen Glaubensleben. Auch an den theologischen Ausbildungsstätten herrschte bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) diese Methode vor.
Von diesem methodischen Zugang setzt sich das Konzil lehramtlich ab: Die Kirche müsse vielmehr die «Zeichen der Zeit erforschen und sie im Lichte des Evangeliums deuten» (Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 4). Am Anfang sollen also nicht theologische Grundsätze stehen, sondern die Zeichen der Zeit, das heisst die Lebenswelt und die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Lebenserfahrungen und der gelebte Glaube. Diese müssen zuerst genau gesehen, zur Kenntnis genommen und erforscht werden (Schritt 1: Sehen). Und erst dann können sie mit der biblischen Botschaft konfrontiert werden und im Lichte dieser Botschaft gedeutet werden (Schritt 2: Urteilen). Dies führt zu einem aus dem biblischen Glaubenszeugnis erneuerten Handeln (Schritt 3: Handeln).
Ein solches methodisches Vorgehen ist nicht deduktiv-ableitend, sondern induktiv-aufbauend. Am Anfang steht nicht die theologische Theorie, sondern stehen die eigene gelebte Glaubenspraxis und die erfahrene
Wirklichkeit (Zeichen der Zeit). Diese Wirklichkeit wird mit der biblischen Botschaft konfrontiert. In dieser Begegnung erst werden theologische Urteile entwickelt, die wiederum zu einer erneuerten Glaubenspraxis führen.
Dieses induktive Vorgehen, das in der Theologiegeschichte zwar immer wieder angewandt wurde, aber dennoch nie die Hauptströmung war und bis vor kurzen kaum in die kirchliche Lehre einging, findet insbesondere in der Bibel selber seine Bestätigung und seine grossen Vorbilder. Die biblischen Theologien gingen über weite Strecken auf verblüffende Weise induktiv vor.
Kriterien guter Theologie
Derzeit wird in der Theologie wieder ausdrücklich um die Frage gerungen, was denn eigentlich eine gute Theologie ausmache. Von unserem bisher Gesagten her lassen sich zusammenfassend einige wichtige Kriterien guter oder gelingender Theologie benennen.
- Gute Theologie hat weder das erste noch das letzte Wort. Sie nimmt den Ausgangspunkt bei den Erfahrungen und der Lebenswelt der Menschen und führt zu einer geläuterten, wirklichkeitsgerechten Praxis des
christlichen Glaubens. - Gute Theologie dient dem Glauben und ist in diesem Sinne existentiell. Gute Theologie verfährt deshalb, methodisch gesehen, induktiv – nicht deduktiv.
- Gute Theologie ist biblisch fundiert; als christliche Theologie nimmt sie bei allen Fragen Mass an der biblischen Botschaft.
- Gute Theologie bearbeitet den Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit; sie richtet sich nicht stabilisierend in der erfahrenen Wirklichkeit ein, sondern hält inmitten dieser zwiespältigen, gebrochenen Wirklichkeit am Ideal und an der Utopie eines Lebens in Fülle für alle Menschen fest.
- Gute Theologie weicht keiner kritischen Anfrage aus.
- Gute Theologie ist offen für eine Vielfalt von Zugängen, ohne beliebig zu werden; sie bleibt der Tradition des jüdisch-christlichen Nachdenkens verpflichtet, ohne durch Einseitigkeit fundamentalistisch zu werden.
Auf dem Hintergrund des skizzierten Theologieverständnisses sollen jetzt noch einige grundsätzliche sowie ganz praktische Aspekte eines spannenden und gewinnbringenden Theologiestudiums angesprochen
werden.
Leidenschaftlich und effizient studieren
Das lateinische Wort «studium» bedeutet übersetzt: Eifer, eifriges Streben, Leidenschaft. Darum also geht es: mit Eifer bei der Sache sein, leidenschaftlich sich auf die Theologie einlassen. Dazu gehört zunächst einfach, Theologie ganz unverzweckt zu betreiben – und nicht nur im Hinblick etwa auf eine spätere Tätigkeit in Seelsorge oder Katechese. Gönnen Sie sich die Chance, sich mit Leidenschaft und Eifer einzulassen auf Grundfragen des eigenen Lebens und Glaubens. Neugier ist hier eine gute Triebfeder.
Wichtig für das Studium ist, dass Sie eine Lernmethode finden, die Ihnen entspricht. Hier gibt es natürlich grosse individuelle Unterschiede. Aber einige Dinge lassen sich doch allgemein sagen.
- Halten Sie sich erstens längere, zusammenhängende Zeiten frei für das Studium. Eine Viertelstunde in einem Studienbuch lesen bringt nichts. Es geht in jedem Skript und jedem theologischen Buch um eine sorgfältige Auseinandersetzung mit einer neuen Sichtweise und Perspektive. Das braucht Zeit und Musse. Es braucht schon eine gewisse Zeit, um sich von den alltäglichen Beanspruchungen zu lösen und offen zu werden für etwas Anderes, Neues. Planen Sie deshalb von vornherein wöchentliche fixe Zeiten ein für Lektüre und Studium. Und stellen Sie dabei in Rechnung, an welchen Tageszeiten Sie am aufnahmefähigsten sind und am effizientesten arbeiten.
- Richten Sie sich zweitens einen geeigneten, inspirierenden Arbeitsplatz ein, der ihnen hilft, vom Alltag Abstand zu gewinnen und Sie motiviert zum Lesen, zum Nachdenken und Studieren. Das Studium kann so in den nächsten Jahren, gleichsam ritualhaft, fester Bestandteil Ihres Alltags werden.
- Überlegen Sie drittens, wie sie das Studium spannend gestalten können. Bilden Sie z. B. zusammen mit anderen Studierenden aus ihrer Umgebung eine kleine Lerngruppe. Der gemeinsame Austausch mit Gleichgesinnten motiviert zum Lernen, eröffnet andere Sichtweisen, hilft bei der Klärung offener Fragen, macht Spass und ist ein geeigneter Ort, um Frust abzuladen und Krisen durchzustehen.
Spirituelle Grundhaltung pflegen
Doch bei der existentiellen Auseinandersetzung, die das Theologiestudium mit sich bringt, reichen solche Hinweise zur Lernmethode allein nicht. Da das Theologiestudium keinen neutralen Gegenstand hat, sondern existenzielle Fragen aufwirft, sind wir selber mit unserem Leben und unseren Erfahrungen stets mitten drin. Deshalb kann uns die Theologie nicht kalt lassen. Es geht nicht nur um intellektuelle Neugier. Es geht um mehr. Eine existentielle Auseinandersetzung rührt an das Innere, setzt auch Gefühle, Emotionen frei.
Sie müssen deshalb einen Weg finden, mit dieser existentiellen Beanspruchung durch die Theologie klarzukommen. Das setzt eine innere Haltung voraus, welche Ihnen hilft, mit existentiellen Herausforderungen umzugehen und Existentielles zu verarbeiten. Es geht hier also im weitesten Sinn um Offenheit für Spiritualität. Eine solche spirituelle Grundhaltung ist nicht bei allen gleich. Sie spüren am besten, was Ihnen hilft: das persönliche Beten oder Meditieren, die Stille auf einem Spaziergang, Musizieren oder Musik hören, Malen oder Körper-Wahrnehmungsübungen, der Austausch mit jemandem, der/die Sie versteht … Alles, was Ihnen hilft, die theologischen Einsichten auch existentiellzu verarbeiten, vertieft zugleich ihren Glauben und hat deshalb eine spirituelle Dimension.
Krisen durchstehen
Um die Pflege dieser spirituellen Grundhaltung sind Sie spätestens dann froh, wenn Sie das Theologiestudium in eine Krise führt. Und die Erfahrung zeigt: Selten bleibt jemandem in einem derart intensiven Studium mit einer so starken existentiellen Seite eine Krise erspart. Damit ist nicht einfach nur ein «Durchhänger » gemeint, weil es jemandem z. B. im dritten Jahr plötzlich zu viel wird. Das gibt es auch. Aber hier geht es um eine existentielle Krise, die dadurch ausgelöst werden kann, dass Sie mit ungewohnten Gedanken und Erkenntnissen konfrontiert werden, dass Sie Ihren Glauben plötzlich in Frage gestellt sehen.
In einer solchen Krise, die tief verunsichern kann, ist es ganz wichtig, nicht aufzuhören, sondern dranzubleiben. Wer nämlich in der Krise aufhört, um nicht noch mehr verunsichert zu werden, der wird bald spüren, dass der Stachel der Verunsicherung ja bereits in ihm steckt und weiter wirkt. Wer aber die Krise durchsteht, der darf die Hoffnung haben, dass sein Glaube langsam auf einem neuem, viel tragfähigerem Fundament zu stehen kommt.
Viele haben sich seit der Zeit des schulischen Religionsunterrichts nicht mehr intensiv denkerisch mit dem Glauben und neuen theologischen Erkenntnissen beschäftigt. Nutzen Sie die allfällige Krise als Chance, existentiell und persönlich einen Schritt in Ihrem Glaubensleben weiterzukommen.
Grundhaltungen für ein gelingendes Theologiestudium
Über das bereits Gesagte hinaus sollen einige weitere Grundhaltungen für ein gelingendes Theologiestudium nur noch kurz genannt werden:
- Als Glaubenswissenschaft setzt das Theologiestudium gelebten Glauben voraus. Damit ist allerdings nicht die Zustimmung zu allen formalen Inhalten des christlichen Glaubens gemeint, sondern ein gelebter Glaube, der inhaltlich noch sehr rudimentär sein kann.
- Seien Sie bereit, den eigenen Glauben zu prüfen und, wo nötig, ihn zu korrigieren.
- Seien Sie offen für (heilsame!) Irritationen der eigenen Erfahrungen und Meinungen.
- Pflegen Sie die Achtung vor der Meinung anderer und zeigen Sie die Bereitschaft, miteinander und voneinander zu lernen.
- Respektieren Sie die Gedankengänge früherer Generationen und die grossen Strömungen der Theologiegeschichte, den theologischen Reichtum der jüdisch-christlichen Tradition sowie denjenigen anderer Religionen.
- Fördern Sie Ihre Fähigkeit zum geduldigen und genauen Lesen und Verarbeiten von Texten aus der Bibel, aus den kirchlichen Dokumenten und aus theologischen Schriften aller Art.
- Bleiben Sie in Ihren Fragen beharrlich und gleichzeitig bescheiden im Blick auf das Gesamt der Theologie – im Wissen darum, dass man/frau mit der Theologie zeitlebens nie ans Ende kommt.
- Werden Sie im Laufe der Zeit immer freier und kreativer im Umgang mit der Theologie. Versuchen Sie, denkerische «Scheuklappen» zu vermeiden oder theologische Positionen anderer ungeprüft zu übernehmen.
Die wesentlichen Fragen stellen
Eine Warnung zum Schluss: Erwarten Sie von der Theologie keine einfachen Antworten. Die Theologie wird Ihnen mehr Fragen aufreissen als Antworten liefern. Jede Antwort auf eine theologische Frage wirft wieder eine oder (öfter sogar) mehrere neue Fragen auf. Der Grund dafür liegt in der Sache selbst, um die es in der Theologie geht: Das menschliche Dasein bleibt letztlich ein Geheimnis. Und Gott erst recht, der für uns Menschen das undurchschaubare Geheimnis schlechthin ist. So kann es der Theologie gar nicht darum gehen, dieses Geheimnis lüften zu wollen. Vielmehr ist die Theologie mit ihrem Suchen und Fragen dann auf einem guten Weg, wenn sie einweist in jenes unbegreifliche Geheimnis, das unser Leben bleibend bestimmt und trägt, und wenn sie von da her das Leben und die Welt neu beleuchtet. Und dabei kommt eben alles darauf an, die richtigen, die wirklich wesentlichen Fragen zu stellen.
Je mehr Fragen wir haben, je besser wir lernen, die richtigen Fragen zu stellen und das Bewusstsein für die wirklich wesentlichen Fragen zu schärfen, desto spannender wird das Theologiestudium und desto weniger kommen wir von der Theologie je wieder los.
- Felix Senn (Grundtext, Bereichsleiter «Theologische Grundbildung» bis 2020)
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